Zur Bedeutung der Strobel-Orgel in der Unterkirche von Frankenhausen
von
Jiri Kocourek
Orgelhistoriker
Präsidiumsmitglied der Gottfried-Silbermann-Gesellschaft

Die Orgel der Unterkirche in Bad Frankenhausen zählt zu den bedeutenden Denkmalorgeln Mitteldeutschlands. Ihre außergewöhnliche Bedeutung verdankt sie zwei Tatsachen:

  • zum Einen dem hohen und wertvollen Anteil historischer Substanz von 1703, 1843 und 1886
  • zum Anderen ihrer unikaten Stellung innerhalb der gesamten mitteldeutschen Orgellandschaft (insbesondere Thüringens und Sachsen-Anhalts).

Die Orgel wurde 1703 von Johann North aus Rudolstadt erbaut, der sich aus diesem Anlass in Bad Frankenhausen niederließ. Von diesem Instrument, das mit 26 Registern auf zwei Manualen und Pedal sowie einer originellen Disposition ein für ihre Zeit durchaus stattlich war, sind das hochbarocke Gehäuse sowie nicht weniger als 12 Register weitgehend vollständig erhalten (zum Vergleich: von der ähnlichen Wender-Orgel in der „Bachkirche“ Arnstadt waren neben dem Gehäuse nur 7 Register teilweise erhalten). Bemerkenswert ist, dass von beiden Manualwerken ein jeweils überwiegend kompletter Principalchor erhalten blieb.
1843 baute die bedeutende Orgelbauwerkstatt von Johann Friedrich Schulze aus Paulinzella, ausgeführt von seinem Werkmeister Julius Strobel, die Orgel um. Aus dieser Bauphase sind 6 (evtl. 8) Register überwiegend erhalten. 1886 baute Julius Strobel aus Bad Frankenhausen ein neues Instrument hinter die barocke Orgelfassade, die an beiden Seiten um je zwei übereinander liegende Felder erweitert wurde. Die übernommenen 12 Register von 1703 sowie 6 (evtl. 8) Register von 1842-43 passte Strobel jedoch durch Aufrücken und Umintonieren so an seinen neuen Pfeifenbestand an, dass er sich nahtlos in die hochromantische Konzeption einfügte und eine in sich geschlossene neue hochromantische Orgel entstand. Mit 49 Registern auf 3 Manualen und Pedal war und ist diese Orgel eines der größten hochromantischen*) Instrumente in ganz Mitteldeutschland. Zugleich ist es Julius Strobels zweitgrößtes Werk und das größte erhaltene Instrument dieses Meisters, der mit seinen rund 70 Orgelneubauten den Orgelbau seiner weiteren Region nachhaltig beeinflusst hat – durch seinen Schüler Fr. A. Mehmel in Stralsund bis hin nach Pommern.
Späteren, dem Zeitgeschmack geschuldeten Umbauten fielen lediglich 5 Register zum Opfer, wobei von 4 dieser Register noch (teils fast alle) Pfeifen bzw. Pfeifenteile erhalten sind. Nur 1 der 49 Register ist (bislang) vollständig abhanden gekommen (Schweizerflöte 8´). Eine derart hohe Erhaltungsquote – einschließlich der Prospektpfeifen und der vollständigen technischen Anlage – ist eine außergewöhnliche Besonderheit, die nur wenige hochromantische Orgeln dieser Größe in Deutschland aufweisen (z.B. Schwerin und Marienberg).

Die Bedeutung des Instrumentes besteht einerseits in der ausgereiften hochromantischen Klangkonzeption:

  • große, tragfähige Principalchöre in allen Werken auf Basis Principal 16´ im HW und Principal 32´ im Pedal sowie mit 5 gemischten Stimmen als Manual-Klangkronen
  • außergewöhnlicher Farbenreichtum an Flöten und Streichern, darunter unikate, individuelle Bauformen wie Schweizerflöte 8´ (weicher Streicher), Bordunalflöte 8´ und 4´, Faut harmonique 8´, Harmonica 8´ (zarte, sehr leise Flöte), Vox celeste 2fach 8´+4´
  • hochromantisches Zungenstimmenensemble mit 4 erhaltenen aufschlagenden Registern und einer unikaten durchschlagenden Aeoline 16´ (1 Becher erhalten)
  • eine außergewöhnliche, fast stufenlose dynamische Bandbreite vom extremen pianissimo (ppp) bis zum großen gravitätischen Tuttiklang (fff).

In all diesen klanglichen Eigenschaften zeigt die Bad Frankenhausener Orgel den ausgeprägten, individuellen Stil ihres Erbauers, der sich völlig von seinen Lehrern losgelöst und seinen eigenen Stil gefunden hat, und die weit in die musikalische Zukunft vorausschauende künstlerische Persönlichkeit, die bereits Klangmöglichkeiten der Spätromantik des beginnenden 20.Jahrhunderts vorwegnimmt und Strobel auf der Höhe seiner Zeit mit den damals führenden Orgelbaufirmen wie Walcker, Sauer, Steinmeyer o.a. zeigt.
Zum Anderen unterstreicht die für die damalige Zeit sehr moderne technische Anlage die Bedeutung der Orgel:

  • 4 werkweise Barkermaschinen in der seltenen windladenbezogenen Anordnung zzgl. eine 5. Barkermaschine für die Manualkopplungen (insgesamt ein Unikat!)
  • Balganlage mit modernen Magazinbäülgen und dreifach gestaffeltem Winddruck
  • Schwellwerk
  • Schleifladen, jedoch mit wellenbrettloser, strahlenföürmiger Trakturfüührung
  • Kollektivtritte für Registergruppen des HW und P

Auch hier zeigt sich Strobel als Meister, der einen eigenstäündigen Weg beschreitet und – anders als viele Zeitgenossen – nicht mit Kegelladen, sondern mit dem klassischen Schleifladensystem Lösungen für eine moderne, orchestrale hochromantische Orgel findet.
Nicht zuletzt ist es die Stellung der Strobel-Orgel in Bad Frankenhausen innerhalb der mitteldeutschen Orgellandschaft: Mit 49 Registern gehört sie zu den größten Orgeln ihrer Zeit und Region. Lediglich die Werke in Merseburg und Mühlhausen sind größer. Gerade unter den Großorgeln der Romantik fanden im 20. Jahrhundert teils erhebliche, entstellende klangliche und technische Umbauten statt (z.B. Arnstadt, Gera, Weißenfels, Apolda), etliche Orgeln wurden zerstört oder durch Neubauten ersetzt (z.B. Jena und auch die größte Strobel-Orgel in Northeim, 1876, III/61). Gerade dies macht die fast vollständig erhaltene Bad Frankenhausener Orgel zu einem besonders wichtigen Zeugnis für den mitteldeutschen Orgelbau des 20. Jahrhunderts und für das Schaffen von Julius Strobel. Sie stellt sich in eine Reihe mit den bedeutendsten, ähnlich gut erhaltenen hochromantischen Großorgeln in Merseburg, Dom (Ladegast 1855, IV/81), Merseburg, Stadtkirche (Gerhardt, 1866, III/46), Köthen, Stadtkirche (Ladegast, 1872, III/46), Mühlhausen, Marienkirche (Sauer, 1891, III/61) und Seehausen (Lütkemüller, 1867, III/44).
Der gegenwürtige Zustand ist besorgniserregend. Es bedarf konzentrierter Anstrengungen und viel Unterstützung, um zunächst die Kirche und anschließend die Orgel zu sichern, zu restaurieren und so für künftige Generationen zu bewahren.

(c) Jiri Kocourek, Orgelhistoriker
Hermann-Eule-Orgelbau (www.euleorgelbau.de)

  *) Als hochromantisch zählt etwa die Epoche zwischen 1840 und 1895, d.h. ab der vollständigen Ausprägung der deutschen romantischen Orgel in den frühen Großorgeln von Walcker und Schulze bis zur allgemeinen Einführung der Pneumatik.
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